Seltsame Winde liefern bislang stärksten Hinweis auf Magnetfelder auf Exoplaneten

Ein internationales Forschungsteam mit Beteiligung der Universität Bern hat mithilfe von hochaufgelösten Messungen mit einigen der leistungsfähigsten Teleskope der Welt die Windgeschwindigkeiten auf sieben sehr heissen, Jupiter-ähnlichen Exoplaneten ermittelt. Die Beobachtungen ergaben, dass die Winde auf diesen Planeten höchstwahrscheinlich von Magnetfeldern beeinflusst werden. Dies ist der bislang eindeutigste Beleg für Magnetismus auf Planeten ausserhalb unseres Sonnensystems.

Auf der Erde ist das Magnetfeld lebenswichtig, da es verhindert, dass kosmische Strahlung unsere Atmosphäre abträgt. Zugleich lässt es eindrucksvolle Polarlichter entstehen. Magnetfelder gibt es auch auf anderen Planeten unseres Sonnensystems, wie Jupiter und Saturn. Doch wie sieht es auf den Planeten ausserhalb unseres Sonnensystems, den sogenannten Exoplaneten, aus?

Ein internationales Forschungsteam mit Beteiligung von Dr. Elspeth Lee, Bernoulli Fellow am Center for Space and Habitability (CSH) der Universität Bern, und Dr. Joost Wardenier von der Abteilung für Weltraumforschung und Planetologie am Physikalischen Institut der Universität Bern ist der Antwort auf diese Frage nun einen entscheidenden Schritt nähergekommen. Indem die Forschenden die Windgeschwindigkeiten auf mehreren extrem Heissen Jupiter-ähnlichen Exoplaneten ermittelt haben, konnten sie erstmals zeigen, dass je heisser der Planet ist, desto tiefere die Windgeschwindigkeit. Eine Erklärung dafür könnten vorhandene Magnetfelder sein, die die Winde dieser Planeten bremsen. Die Studie wurde soeben in Nature Astronomy veröffentlicht.

Extreme Exoplanetenwinde im Modell

In der Studie untersuchten die Forschenden die Windgeschwindigkeiten auf sieben Exoplaneten, die verschiedene Sterne umkreisen. Dabei handelt es sich um Gasriesen ähnlich wie Jupiter, die ihrem Stern sehr nahe sind. Elspeth Lee erklärt: «Die Rotation der Planeten wurde durch die Gezeitenkräfte des Muttersterns mit ihrem Umlauf synchronisiert. So wie wir immer nur eine Seite des Mondes sehen, weisen diese Planeten stets eine Seite dem Stern zu. So hat sich eine glühend heisse Tagseite und eine dauerhaft dunkle Nachtseite auf den Planeten herausgebildet. Die extremen Temperaturunterschiede wiederum führen dazu, dass extrem starke Winde erzeugt werden.»

Für die Messungen nutzte das Team Daten des ESPRESSO-Instruments am Very Large Telescope (VLT) der Europäischen Südsternwarte (ESO) in der chilenischen Atacama-Wüste sowie eines ähnlichen Instruments am Gemini-North-Teleskop auf Hawaii, USA, das teilweise von der US-amerikanischen National Science Foundation (NSF) finanziert und vom NSF NOIRLab betrieben wird. Elspeth Lee und Joost Wardenier trugen zur theoretischen Interpretation der Beobachtungsdaten bei und brachten ihr Wissen sowie ihre Erfahrung mit der Atmosphäre von «heissen Jupitern» ein. «Wir sind spezialisiert darauf, die Atmosphäre heisser Jupiter-Planeten mit Computermodellen zu simulieren. Dabei untersuchen wir, wie sich ihre Winde verhalten, wie sich die chemische Zusammensetzung verändert und wie sich das Klima auf dem ganzen Planeten entwickelt», erklärt Elspeth Lee.

Rasende Winde auf Exoplaneten

Das Forschungsteam konnte zeigen, dass auf den Exoplaneten Windgeschwindigkeiten von etwa 7’200 km/h bis über 25’000 km/h herrschen. Zum Vergleich: Die schnellsten auf dem Jupiter gemessenen Winde erreichen Geschwindigkeiten von etwa 1’500 km/h.

«Anfangs wollten wir herausfinden, ob sich die atmosphärischen Winde bei allen heissen Planeten gleich verhalten», erklärt Julia Seidel, Astronomin am Laboratoire Lagrange, Observatoire de la Côte d’Azur, Frankreich, und Hauptautorin der Studie. Als die Forschenden jedoch die Abhängigkeit der Windgeschwindigkeiten von der Planetentemperatur untersuchten, zeigte sich ein sehr faszinierendes Muster: Je heisser der Planet, desto langsamer der Wind. «Das widerspricht völlig der Intuition, denn unter sonst gleichen Bedingungen verfügen heisse Planeten über mehr Energie, um die Winde zu beschleunigen! Etwas muss den Wind bei heisseren Objekten bremsen», sagt Vivien Parmentier, Mitautor der Studie und Professor am Laboratoire Lagrange.

Noch spektakulärere Polarlichter als auf der Erde?

Das Team kam zum Schluss, dass die plausibelste Erklärung das Vorhandensein planetarischer Magnetfelder ist, da sie wie eine Bremse wirken und die Bewegung geladener Teilchen in der Atmosphäre verlangsamen können. Anhand der Daten konnten die Forschenden daher die Stärke des Magnetfelds auf jedem der untersuchten Planeten ableiten. Sie stellten fest, dass diese in ihrer Stärke mit denen in unserem Sonnensystem vergleichbar sind: etwa viermal so stark wie das von Saturn oder etwa halb so stark wie das von Jupiter. «Zum ersten Mal haben wir eine einheitliche Analyse der Windgeschwindigkeiten und Magnetfeldstärken von sieben heissen Jupitern durchgeführt, basierend auf den sehr subtilen Doppler-Verschiebungen, die in ihren Spektren beobachtet wurden. Die in unserer Arbeit verwendeten Daten geben einen beeindruckend detaillierten Einblick in diese Verschiebungen», erklärt Joost Wardenier.

Solch starke Magnetfelder könnten mehr als nur den Wind auf diesen fernen Planeten beeinflussen. «Hier auf der Erde kennen wir die Schönheit der Polarlichter, bei denen Teilchen der Sonne auf unser Magnetfeld treffen und zu den Polen geleitet werden. Dort kollidieren sie mit Gasen in der Atmosphäre und erzeugen farbenprächtige Schauspiele in Grün, Rosa und Violett», erklärt Bibiana Prinoth, Mitautorin der Studie, ehemalige Doktorandin an der Universität Lund in Schweden und heute Astronomin bei der ESO in Garching, Deutschland. «Auf den untersuchten Exoplaneten könnten die magnetisch angetriebenen Polarlichter noch spektakulärer sein», so Prinoth.

«Dieser Fortschritt eröffnet völlig neue Perspektiven für die Exoplanetenforschung. Zum ersten Mal können wir die Magnetfelder anderer Welten miteinander vergleichen – ein entscheidender Schritt, um letztendlich zu verstehen, welche Planeten lebensfähig bleiben, ihr Wasser behalten und vielleicht sogar eines Tages Leben, wie wir es kennen, beherbergen können», sagt Julia Seidel. «Insgesamt ist dies ein grosser Schritt zum Verständnis anderer Welten ausserhalb des Sonnensystems und ein gutes Omen für das Extremely Large Telescope ELT der ESO, das 2029 in Betrieb genommen wird, und das noch präzisere Beobachtungen ermöglichen wird», so Elspeth Lee abschliessend.

Angaben zur Publikation:

Seidel, J.V., Parmentier, V., Prinoth, B. et al. (2026). Magnetic field strengths of hot giant exoplanets consistent with Solar System values, Nature Astronomy.
DOI: 10.1038/s41550-026-02870-1
URL: https://www.nature.com/articles/s41550-026-02870-1

Center for Space and Habitability (CSH)

Das Center for Space and Habitability (CSH) hat die Aufgabe, den Dialog und die Interaktion zwischen den verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen zu fördern, die sich mit der Entstehung, Entdeckung und Charakterisierung anderer Welten innerhalb und ausserhalb des Sonnensystems, unserer Suche nach Leben in anderen Teilen des Universums und den Auswirkungen auf andere Disziplinen als die Naturwissenschaften beschäftigen. Zu den Mitgliedern, Partnern und Kooperationspartnern gehören Expertinnen und Experten aus der Astronomie, der Astrophysik und Astrochemie, der Klima- und Planetenforschung, der Geologie und Geophysik, der Biochemie und Philosophie. Beteiligt ist das CSH auch an Beobachtungen mit Weltraumteleskopen wie dem James Webb Space Telescope und mit grossen bodengestützten Einrichtungen wie dem Atacama Large Millimeter Array und dem European Extremely Large Telescope, das sich derzeit in der Bauphase befindet. Das CSH beherbergt zudem die CSH- und Bernoulli-Stipendien, die junge, dynamische und talentierte Forschende aus der ganzen Welt aufnehmen, um unabhängige Forschung zu betreiben. Das CSH führt eine Reihe von Programmen durch, um die interdisziplinäre Forschung an der Universität Bern zu fördern, einschliesslich der Zusammenarbeit und des offenen Dialogs mit Medizin, Philosophie und Theologie. Das CSH hat eine aktive Verbindung zu ähnlichen Zentren in der Schweiz, so mit dem Life in the Universe Center (LUC) in Genf und dem Centre for Origin and Prevalence of Life (COPL) in Zürich.
https://www.csh.unibe.ch/index_eng.html

Berner Weltraumforschung: Seit der ersten Mondlandung an der Weltspitze

Als am 21. Juli 1969 Buzz Aldrin als zweiter Mann aus der Mondlandefähre stieg, entrollte er als erstes das Berner Sonnenwindsegel und steckte es noch vor der amerikanischen Flagge in den Boden des Mondes. Dieses Solarwind Composition Experiment (SWC), welches von Prof. Dr. Johannes Geiss und seinem Team am Physikalischen Institut der Universität Bern geplant und ausgewertet wurde, war ein erster grosser Höhepunkt in der Geschichte der Berner Weltraumforschung.

Die Berner Weltraumforschung ist seit damals an der Weltspitze mit dabei: Die Universität Bern nimmt regelmässig an Weltraummissionen der grossen Weltraumorganisationen wie ESA, NASA oder JAXA teil. Mit CHEOPS teilt sich die Universität Bern die Verantwortung mit der ESA für eine ganze Mission. Zudem sind die Berner Forschenden an der Weltspitze mit dabei, wenn es etwa um Modelle und Simulationen zur Entstehung und Entwicklung von Planeten geht.

Die erfolgreiche Arbeit der Abteilung Weltraumforschung und Planetologie (WP) des Physikalischen Instituts der Universität Bern wurde durch die Gründung eines universitären Kompetenzzentrums, dem Center for Space and Habitability (CSH), gestärkt. Der Schweizer Nationalfonds sprach der Universität Bern zudem den Nationalen Forschungsschwerpunkt (NFS) PlanetS zu, den sie gemeinsam mit der Universität Genf leitet.

02.06.2026

Video über die Entdeckung des stärksten Hinweises darauf, dass einige Planeten ausserhalb unseres Sonnensystems möglicherweise Magnetfelder besitzen.