Emotionen zeigen macht Ärztinnen und Ärzte vertrauenswürdiger

Wenn Ärztinnen und Ärzte in Gesprächen über schwere Krankheiten eigene Emotionen zeigen oder passende persönliche Erfahrungen teilen, gelten sie in der Schweizer Bevölkerung als vertrauenswürdiger und mitfühlender – ohne an Professionalität einzubüssen. Das zeigt eine neue Studie der Universität Bern mit über 1’500 Teilnehmenden. Die Ergebnisse liefern Hinweise darauf, wie schwierige Gespräche zwischen Ärzteschaft und Patientinnen und Patienten authentisch und zugleich professionell sein können.

Gespräche über Krankheitsverschlechterung oder begrenzte Lebenszeit gehören zu den anspruchsvollsten Situationen in der Medizin. Ein solches Gespräch betrifft direkt und indirekt nahezu jede Person im Laufe des Lebens. Dabei beeinflusst die Art und Weise, wie Diagnosen schwerer Erkrankungen oder schwierige Therapieverläufe gegenüber einer Patientin oder einem Patienten kommuniziert werden, das Gefühl von Unterstützung, das die Betroffenen erleben, entscheidend. Bisher wurden Ärztinnen und Ärzte häufig dazu angehalten, möglichst sachlich und emotional zurückhaltend zu bleiben. Doch worauf basieren diese traditionellen Vorstellungen von Professionalität im medizinischen Kontext, und entsprechen sie tatsächlich den Erwartungen der Bevölkerung?

Dieser Frage ging eine vom Schweizerischen Nationalfonds (SNF) finanzierte Studie unter der Leitung des Instituts für Sozial- und Präventivmedizin (ISPM) der Universität Bern in Zusammenarbeit mit der Universität Bielefeld und der Stanford University nach. Das Forschungsteam konnte anhand einer innovativen Umfrage zeigen, dass der Ausdruck von Emotionen und das Teilen passender persönlicher Erfahrungen in Gesprächen über schwere Krankheiten die Wahrnehmung von Vertrauen, Mitgefühl, Professionalität und das Gefühl, sich mit der Ärztin oder dem Arzt wohlzufühlen, durchwegs positiv oder neutral beeinflussen. Die Studienergebnisse wurden kürzlich im Fachjournal Journal of General Internal Medicine publiziert.

Über 7'200 Gesprächs-Szenarien

Ausgangspunkt der Studie ist die Beobachtung, dass schwierige Gespräche über Krankheitsverlauf, Prognose und Therapieentscheidungen für alle Beteiligten emotional belastend sind – und dass viele Ärztinnen und Ärzte unsicher sind, wie authentisch sie dabei sein dürfen. «Emotionen zu zeigen oder Persönliches zu teilen, wurde in der Ausbildung lange als riskant oder unangebracht dargestellt», sagt Prof. Dr. Sofia C. Zambrano, Leiterin der Studie und SNF Eccellenza Professorin am ISPM der Universität Bern. «Gleichzeitig fehlte es an Evidenz, ob diese Norm überhaupt den Erwartungen von Patientinnen und Patienten entspricht.»

Um dies systematisch zu untersuchen, nutzte das Team ein sogenanntes Vignetten Design: 1’572 Teilnehmende aus allen Sprachregionen der Schweiz versetzten sich in die Rolle einer Person mit fortgeschrittenem Lungenkrebs, der im Spital eine deutlich begrenzte Lebenszeit mitgeteilt wird. Insgesamt beurteilten sie 7’250 kurze Szenarien dieses Gesprächs, in denen unter anderem Erfahrung der Ärztin oder des Arztes, Dauer und Klarheit des Gesprächs, Beziehung sowie Formen des Emotionsausdrucks variierten. «Das Studiendesign erlaubt uns, einzelne kommunikative Verhaltensweisen unter kontrollierten Bedingungen zu analysieren», erklärt Dr. Robert Staeck, Erstautor der Studie und ehemaliger Doktorand in Zambranos Forschungsgruppe. «So können wir präzise erheben, welchen Beitrag etwa eine kurze persönliche Bemerkung oder der Ausdruck von Emotionen durch Ärztinnen und Ärzten zur Wahrnehmung von Vertrauen und Professionalität leisten.»

Persönliche Offenheit mit Augenmass

Die Auswertungen zeigen: Wenn Ärztinnen und Ärzte eine passende persönliche Erfahrung einbringen – etwa, dass eine nahestehende Person an derselben Krankheit litt – steigen Bewertungen von Vertrauen, Mitgefühl, Professionalität und das Gefühl, sich mit der Ärztin oder dem Arzt wohlzufühlen, signifikant. Besonders stark wirkt der sichtbare Emotionsausdruck: Kombiniert die ärztliche Person eine verbale Äusserung von Traurigkeit mit Tränen in den Augen, erhöht dies vor allem das wahrgenommene Mitgefühl deutlich, ohne dass die Professionalität leidet. «Wir sehen teils Unterschiede von bis zu fast zwei Skalenpunkten auf einer 11-Punkte-Skala für die Bewertung von Mitgefühl», so Zambrano. «Das ist für eine so kleine Intervention – ein einziger Satz oder ein kurzer emotionaler Moment – ein sehr relevanter Effekt.» Ein zentraler Befund ist, dass Selbstoffenbarung und Emotionsausdruck von Ärztinnen und Ärzten die Bewertungen von Vertrauen, Mitgefühl, Professionalität und das Gefühl, sich mit der Ärztin oder dem Arzt wohlzufühlen, nie verschlechtern – selbst bei kurzen Gesprächen, wenig Berufserfahrung oder fehlender vorgängiger Beziehung zur Patientin oder zum Patienten. «Das widerlegt die verbreitete Befürchtung, dass der Ausdruck von Emotionen ein Risiko für die eigene Professionalität sei», sagt Staeck. Gleichzeitig macht die Studie deutlich, dass Kontext und individuelle Unterschiede eine Rolle spielen. Ältere und höher gebildete Teilnehmende bewerteten bestimmte Kombinationen etwas kritischer, ohne dass es jedoch Einbussen von Bewertungen hinsichtlich Professionalität gab. «Entscheidend ist, dass sich der Ausdruck an der Situation und den Bedürfnissen der Patientinnen und Patienten orientiert und authentisch ist», betont Zambrano.  

Emotionale Kompetenzen in der Ausbildung stärken

Die Studie bestätigt, dass echte menschliche Verbindung ein zentraler Bestandteil guter medizinischer Versorgung ist. Zambrano betont allerdings, dass die Ergebnisse auf hypothetischen Szenarien basieren und nicht auf realen klinischen Begegnungen: «Reale Gespräche sind komplexer und können zusätzlich von nonverbalen Signalen, und situativen Faktoren geprägt sein». Staeck ergänzt: «Zudem bestand unsere Stichprobe überwiegend aus Schweizer Staatsangehörigen, wodurch die kulturelle Heterogenität der Schweizer Bevölkerung nur begrenzt abgebildet ist. Da kulturelle Normen zu Professionalität und Emotionsausdruck variieren können, sind die Ergebnisse möglicherweise nicht vollständig auf andere Kontexte übertragbar.»

Die Resultate haben zudem Konsequenzen für die medizinische Aus- und Weiterbildung. Zambrano sagt: «Unsere Befunde legen nahe, dass emotionale Kompetenzen als erlernbare Kernkompetenz fest in die medizinische Ausbildung gehören – und nicht als ‘Privatsache’, die im Hintergrund bleiben muss.» Ihre Forschungsgruppe gehört zu den wenigen Teams in der Schweiz, die die emotionalen und zwischenmenschlichen Aspekte der ärztlichen Beziehung zu Patientinnen und Patienten systematisch untersuchen mit verschiedenen Studiendesigns und Zielgruppen, und mit Blick sowohl auf die Versorgungsqualität als auch auf das Wohlbefinden der Ärztinnen und Ärzte. «Unser Ziel ist, dass sich Patientinnen und Patienten ernst genommen und begleitet fühlen und Ärztinnen und Ärzte die emotionalen Anforderungen ihres Berufs nicht allein tragen müssen», fasst Zambrano zusammen.

Angaben zur Publikation:

Staeck R., Sauer C., Zwahlen M., Asch S.M., Zambrano S.C. (2026). Physician emotion and self-disclosure in serious illness conversations: Impact on trust, compassion, professionalism and comfort. Journal of General Internal Medicine.
URL: https://link.springer.com/article/10.1007/s11606-026-10590-5
DOI: DOI: 10.1007/s11606-026-10590-5

Das Institut für Sozial- und Präventivmedizin

Seit 1971, seit 55 Jahren, engagiert sich das Institut für Sozial- und Präventivmedizin (ISPM) der Universität Bern für die Verbesserung von Gesundheit und Wohlbefinden von Individuen und der Gesellschaft. Durch qualitativ hochstehende Forschung in den Bereichen Prävention, Sozialmedizin, Epidemiologie, Biostatistik und Public Health und zusammen mit zahlreichen nationalen und internationalen Partnern steht das ISPM für «Gesundheit für alle».

Neben der Spitzenforschung widmet sich das ISPM unter anderem der Ausbildung der nächsten Generation von Epidemiologinnen und Epidemiologen, Public-Health-Forschenden sowie Ärztinnen und Ärzten. Das ISPM beteiligt sich aktiv an universitären Lehrprogrammen für Studierende der Medizin, Pharmakologie, Biomedizintechnik und Biomedizin.

Weitere Informationen: https://www.ispm.unibe.ch/

05.08.2026