«What a Schererei»: Becketts Blick auf Nazi-Deutschland
Die Universität Bern veröffentlicht zusammen mit der University of Reading erstmals Samuel Becketts «German Diaries». In diesen Tagebüchern aus den Jahren 1936/37 beschreibt der irische Schriftsteller seine Reise durch das nationalsozialistische Deutschland. Herausgegeben wird die Edition vom Berner Literaturwissenschaftler Oliver Lubrich und dem britischen Beckett-Experten Mark Nixon im Suhrkamp Verlag. Dabei handelt es sich um einen weltweit erwarteten, letzten grossen unveröffentlichten Text des Literaturnobelpreisträgers.
Die «German Diaries» sind die einzigen Tagebücher, die Samuel Beckett (1906–1989) jemals über einen längeren Zeitraum geführt hat. Nach Becketts Tod fand sie sein Neffe in dessen Pariser Wohnung. Es handelt sich um sechs Notizbücher mit 550 eng beschriebenen Seiten. Mark Nixon von der University of Reading, Direktor der International Beckett Foundation, und Oliver Lubrich, Professor für Literaturwissenschaft am Institut für Germanistik der Universität Bern, haben sie nun gemeinsam herausgegeben: als weltweite Erstveröffentlichung im englischen Original mit deutscher Übersetzung. Die Ausgabe hat 1‘352 Seiten und erscheint am 20. August 2026 im Berliner Suhrkamp Verlag. Es ist das letzte bislang unveröffentlichte Werk des Literaturnobelpreisträgers.
Die Edition macht ein aussergewöhnliches literarisches und historisches Dokument erstmals vollständig und in wissenschaftlich kommentierter Form zugänglich, mit Übersetzung, Zeittafel, Reiseroute, Registern und einem Glossar zu Becketts eigenwilligem deutschen Vokabular. Wie Oliver Lubrich sagt, verbindet die Edition Literatur- und Zeitgeschichte miteinander. Ausgaben in weiteren Sprachen sind geplant. Die Edition erfuhr bereits im Vorfeld ein grosses internationales Interesse und steht für die Ausstrahlung und gesellschaftliche Relevanz geisteswissenschaftlicher Forschung an der Universität Bern.
Teilnehmender Beobachter in der Diktatur
Sechs Monate reiste Beckett durch Deutschland, vom 1. Oktober 1936 bis zum 1. April 1937. Er besuchte mehr als 30 Orte. In täglichen Aufzeichnungen hielt er fest, wie er Nazi-Deutschland erlebte. «Er beschreibt die Deutschen wie ein Ethnologe», erklärt Lubrich, «als teilnehmender Beobachter.» Lubrich forscht zu internationalen Zeugnissen aus Nazi-Deutschland. In den vergangenen Jahren hat er bereits das «Geheime Tagebuch» von John F. Kennedy herausgegeben, «Ich traf Hitler!» von Dorothy Thompson und die Berichte «Along the color line» des Schwarzen US-Amerikaners W. E. B. Du Bois. Viele Einheimische hätten nach dem Krieg ihre Mitwirkung verdrängt, sagt Lubrich. «Aber der fremde Blick sieht mehr.» Ausländische Zeuginnen und Zeugen in Diktaturen seien weniger befangen und oft die besseren Beobachterinnen und Beobachter.
Historisches Zeugnis und literarischer Text
Als Beispiele nennt Lubrich Becketts Beschreibungen, wie sich die Bevölkerung verhält, wenn Hitler im Radio spricht, oder die Hingabe in der Stimme von Anhängerinnen und Anhängern, wenn sie von Hitler sprechen. «HH without ceasing», notiert Beckett, das bedeutet: «Heil Hitler ohne Unterlass». Er dokumentiert auch gehässige Bemerkungen über Jüdinnen und Juden im Alltag oder das Selbstmitleid von Unterstützerinnen und Unterstützern des Regimes, die sich als Opfer sehen. «Beckett erlebt, wie ein Volk, das die Demokratie abgewählt hat, dem Rechtsextremismus verfallen ist», sagt Lubrich. Seine Aufzeichnungen enthalten auch Besuche in Museen, in denen «Entartete Kunst» abgehängt wird, oder Treffen mit dem Kunsthändler Hildebrand Gurlitt, dessen Sammlung 2014 an das Kunstmuseum Bern ging.
Zugleich registriere Beckett auch Ambivalenzen, wie Nazis, die persönlich nicht unangenehm sind. «Die ‹German Diaries›», sagt Lubrich, «sind ein historisches Zeugnis, das Psychogramm einer Gesellschaft und ein literarischer Text. Sie helfen uns zu verstehen, wie Menschen auf autoritäre Ideologien reagieren und wie Diktaturen funktionieren. Diese Fragen sind leider auch heute aktuell.» Dies zeige die Bedeutung der Geisteswissenschaften für aktuelle demokratiepolitische Debatten.
Godot und die Schweiz
Die Aufzeichnungen geben auch einen Einblick in die Entwicklung von Becketts Denken und Ästhetik. «Die Reise ist für Beckett zugleich ein Labor seiner Poetik», sagt Lubrich. «Sie wirft die Frage auf: welche Sprache lässt sich finden, wenn sich autoritäre Ideologien durchsetzen?». Beckett galt lange als unpolitischer Autor. Sein bekanntestes Werk, das absurde Theaterstück «Warten auf Godot», werde meist als ein zeitloses Stück über die Sinnlosigkeit der Existenz interpretiert. «Aber nun lesen wir in den Tagebüchern, wie genau Beckett den Totalitarismus beschrieben hat», sagt Herausgeber Lubrich, «und auch dieses Stück ist historisch zu verstehen: Zwei Juden auf der Flucht warten auf ihren Schleuser, der sie über die Grenze in die Schweiz bringen soll.»
Wie der Faschismus die Sprache verändert
Wie Lubrich ausführt, beherrschte Beckett die deutsche Sprache sehr gut. Er hielt fest, wie der Faschismus den Sprachgebrauch prägt. «Sein Text ist durchsetzt mit Hunderten deutscher Worte und Sätze, die er im Alltag aufnimmt und als Sprache des ‹Dritten Reiches› dokumentiert: ‹Rassenschande›, ‹Verhetzungskünste›, ‹the usual Quatsch›.» Als weiteres Beispiel nennt Lubrich Becketts Aussage: «Bei den Begriffen ‹historische Notwendigkeit› & ‹Deutsches Schicksal› kommt mir die Kotze hoch.» Am Ende sei es ihm zuviel geworden, so Lubrich, und Beckett habe feststellen müssen: «What a Schererei this trip is becoming.»
Weltweite Erstveröffentlichung:Samuel Beckett, German Diaries. 28. September 1936 – 1. April 1937. Englisch und Deutsch. Herausgegeben von Mark Nixon und Oliver Lubrich. Aus dem Englischen übersetzt von Gaby Hartel. Nachwort, Editorischer Bericht, Sachkommentar, Zeittafel, Reiseroute, Register der Personen und Orte, Übersicht zu ‹Becketts Kulturprogramm›, Glossar ‹Becketts Deutsch›. Mit Abbildungen. 1'352 Seiten. Erscheinungsdatum: 20. August 2026. ISBN: 978-3-518-42943-3. Informationen des Suhrkamp Verlags: https://www.suhrkamp.de/buch/samuel-beckett-german-diaries-t-9783518429433 |
04.08.2026
