Mitteleuropa als Eisenbahnraum
Der tschechische Schriftsteller Jaroslav Rudiš lehrt im Frühjahrssemester 2026 an der Universität Bern. Als 24. «Friedrich Dürrenmatt Gastprofessor für Weltliteratur» wird er mit den Studierenden eine literarische Zugreise durch Mitteleuropa unternehmen.
Im Frühjahrssemester 2026 übernimmt der tschechische Autor Jaroslav Rudiš die «Friedrich Dürrenmatt Gastprofessur für Weltliteratur» an der Universität Bern. Der Romancier und Dramatiker wird am Walter Benjamin Kolleg der Philosophisch-historischen Fakultät eine Lehrveranstaltung geben und mit Studierenden und Doktorierenden zusammenarbeiten.
Mit dem Zug über Sprachgrenzen
Jaroslav Rudiš, geboren 1972, studierte in Liberec, Zürich und Prag Geschichte und Germanistik, bevor er als Journalist in Berlin arbeitete, wo auch sein literarischer Erstling entstand. Rudiš ist Autor mehrerer Romane, Erzählungen, Theaterstücke, Drehbücher, Graphic Novels und Hörspiele.
In tschechischer und deutscher Sprache verfasst und in zahlreiche Sprachen übersetzt, erkunden seine Texte immer wieder das gegenwärtige und das vergangene Mitteleuropa – am liebsten mit Blick aus dem Zugfenster. So unternimmt der 99-jährige Protagonist seines Romans Winterbergs letzte Reise (2019) eine Bahnreise von Berlin nach Liberec – anhand des Baedekers zu «Österreich» von 1913. Mit feinem Gespür für Dialoge und Witz erzählen die Figuren auf dieser Zugfahrt, die über Sprachgrenzen führt, die Geschichte von Mitteleuropa als Eisenbahnraum.
Rudiš, der aus einer Eisenbahner-Familie stammt und als Kind Lokführer werden wollte, verfasste sogar eine Gebrauchsanweisung fürs Zugreisen (2021). Alois Nebel, die Titelfigur seiner Comic-Trilogie, arbeitet an einem kleinen Bahnhof im früheren Sudentenland – und wurde zum Filmhelden.
Für sein literarisches Schaffen wurde Rudiš unter anderem mit dem Preis der Literaturhäuser (2018) und dem Chamisso-Preis (2019) ausgezeichnet. Für seinen Beitrag zur Verständigung zwischen den Nationen erhielt er den Verdienstorden der Bundesrepublik Deutschland und die tschechische Verdienstmedaille. Seit 2025 ist er Mitglied der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung.
«Mit Jaroslav Rudiš kommt zur wunderbaren Reihe der Friedrich Dürrenmatt Gastprofessuren ein Autor dazu, der die mehrsprachige Kultur Mitteleuropas verkörpert. Seinen literarischen Reiseempfehlungen in die Vergangenheit und Gegenwart ist unbedingt zu folgen», sagt die Rektorin der Universität Bern Virginia Richter. Die Literaturwissenschaftlerin wird die Auftaktveranstaltung zu Rudiš’ Gastprofessur zusammen mit dem Projektleiter und Literaturprofessor Oliver Lubrich moderieren. Die Auftaktveranstaltung findet am 18. Februar 2026 statt (siehe Informationen unten).
Ein Bier mit Kafka?
Jaroslav Rudiš bewegt sich zwischen Sprachen, Literaturen und Medien. In der Verfilmung seines Romans Grandhotel (2006) trat er als Schauspieler auf. Er verfasste Hörspiele und das Libretto zu einer Oper. Als Mitglied der Kafka Band vertont er die Texte des berühmtesten Prager Autors und bringt sie als szenische Konzerte auf die Bühne. Gemeinsam mit dem österreichischen Zeichner Nicolas Mahler schuf er die Graphic Novel Nachtgestalten (2021).
Nicht nur in der Eisenbahn sieht Rudiš eine Verbindung zwischen den Ländern, sondern auch im Bier. In seiner Gebrauchsanweisung für Bier (2025) erklärt er, welche Bedeutung diesem trinkbaren Kulturgut zukommt. «Bierkenner und Kafkaliebhaber – wir freuen uns sehr auf einen so vielseitigen Gast», sagt Projektleiter Oliver Lubrich, Literaturprofessor an der Universität Bern. «Dass Jaroslav Rudiš ein Eisenbahnfan ist, obwohl er in Deutschland lebt, beweist zudem seinen Humor.»
Literarische Zugfahrt
In seinem Seminar an der Universität Bern, das er auf Deutsch halten wird, will Jaroslav Rudiš zusammen mit seinen Studierenden eine literarische Bahnreise durch Mitteleuropa unternehmen – vorbei an Schlachtfeldern, Friedhöfen und Ruinen. Unter dem Titel «The beautiful landscape of battlefields, cemeteries and ruins», ein Zitat aus dem Roman Winterbergs letzte Reise, wird sich der Kurs Orten widmen, an denen sich Geschichte und Gegenwart, Erinnerung und Erfahrung überlagern: Berlin, Prag, Wien, Brno, Krakau, Breslau, Budapest, Bratislava, Lwiw, Sarajevo und Triest – bis die Teilnehmenden aus dem literarischen Zug in Bern wieder aussteigen. Die Studierenden lesen Texte unter anderem von Alfred Döblin, Olga Tokarczuk und Thomas Bernhard. Dabei gehen sie der Frage nach, was Mitteleuropa zusammenhält: Sprache, Literatur, Film, Musik, Humor, Bier – und nicht zuletzt die Eisenbahn?
Auftakt in der Burgerbibliothek
Die öffentliche Auftaktveranstaltung mit Jaroslav Rudiš findet am 18. Februar um 18.30 Uhr im Hallersaal der Burgerbibliothek Bern statt.
Friedrich Dürrenmatt GastprofessurDie Friedrich Dürrenmatt Gastprofessur für Weltliteratur erweitert das akademische und kulturelle Angebot in Bern und darüber hinaus. Seit dem Frühjahr 2014 unterrichtet in jedem Semester ein internationaler Gast an der Universität Bern. Die Autorinnen und Autoren geben je eine 14-wöchige Lehrveranstaltung und arbeiten wie reguläre Professorinnen und Professoren mit Studierenden und Doktorierenden zusammen. Zusätzlich zu ihren Seminaren oder Vorlesungen werden universitäre und öffentliche Veranstaltungen in Bern sowie an anderen Orten in der Schweiz organisiert. Die Gastprofessur wird durchgeführt mit Unterstützung der Burgergemeinde Bern. |
Bisherige Friedrich Dürrenmatt Gastprofessorinnen und GastprofessorenFrühjahr 2014: David Wagner (Deutschland) |
Weitere Informationen zur Dürrenmatt Gastprofessurhttp://www.wbkolleg.unibe.ch/ueber_uns/friedrich_duerrenmatt_gastprofessur |
11.02.2026
