Geschlechterstereotype spiegeln wider, was Frauen und Männer in ihrer Gesellschaft tun

Neue Forschungsergebnisse des Instituts für Psychologie der Universität Bern zeigen, warum die meisten Menschen glauben, dass sich Frauen und Männer in ihrer Persönlichkeit und ihren Fähigkeiten unterscheiden. Die Forschenden evaluierten Daten aus verschiedenen Ländern und zu zwei Zeitpunkten: 1995 und 2023. Dabei zeigt sich, dass die Stärke von stereotypen Überzeugungen den sozialen Rollen entsprechen, die Frauen und Männer in einer Gesellschaft daheim und in der Arbeitswelt einnehmen.

Menschen haben Geschlechterstereotype, also Überzeugungen darüber, welche Eigenschaften typisch für Frauen beziehungsweise Männer sind. Zu verstehen, wie die soziale Struktur einer Gesellschaft diese Stereotype prägt, ist wichtig, da Stereotype nämlich Vorurteile und Diskriminierung gegenüber einzelnen Frauen und Männern begünstigen, wenn diese von den Stereotypen abweichen.

Ein internationales Forschungsteam unter der Leitung von Dr. Christa Nater und mit Beteiligung von Prof. Dr. Sabine Sczesny vom Institut für Psychologie der Universität Bern hat Geschlechterstereotype weltweit untersucht. Die Ergebnisse zeigen, dass Stereotype zwar über Länder hinweg weitgehend ähnlich sind, deren Stärke jedoch variiert, je nachdem welche Positionen die Frauen und Männer in einem bestimmten Land innehaben. Die neuen Forschungsergebnisse wurden nun in der Fachzeitschrift Proceedings of the National Academy of Sciences veröffentlicht.

Meinungsumfragen aus aller Welt

Die Ergebnisse basieren auf Meinungsumfragen, die 1995 in 22 Ländern und 2023 in 40 Ländern durchgeführt wurden. Mehr als 25’000 Befragte gaben dabei Auskunft über typische Eigenschaften von Frauen und Männern. «Die Ergebnisse sind bemerkenswert, da sie alle Kontinente sowie Länder mit sehr unterschiedlichen Graden an Geschlechtergleichstellung abdecken», sagt Christa Nater, Erstautorin der Studie.

Was Frauen und Männer auf dem Arbeitsmarkt tun, prägt Geschlechterstereotype

Die Ergebnisse zeigen, dass in allen Ländern die Mehrheit der Befragten angab, Männer seien das stärker handlungsorientierte Geschlecht und wiesen Eigenschaften wie Ehrgeiz und Mut auf, während Frauen als das stärker gemeinschaftsorientierte Geschlecht wahrgenommen werden mit Eigenschaften wie Wärme und sozialer Kompetenz. Bei Kompetenzeigenschaften wie Intelligenz und Kreativität berichteten die Befragten in den meisten Länder hingegen, dass Frauen und Männer ähnlich kompetent seien. Die Stärke der Überzeugung, dass sich Frauen und Männer unterscheiden, spiegelt jedoch wider, in welchem Ausmass die Geschlechter in den jeweiligen Gesellschaften unterschiedliche soziale Rollen in Haushalt und Arbeitswelt einnehmen. So ist etwa der Glaube, dass Frauen gemeinschaftsorientierter sind als Männer, in jenen Ländern besonders ausgeprägt, in denen Frauen überdurchschnittlich häufig in Pflege- und Dienstleistungsberufen tätig sind. Ebenso ist die Überzeugung, dass Frauen und Männer gleich kompetent sind, häufiger in Ländern anzutreffen, in denen Frauen mehr Hochschulabschlüsse erwerben.

Der Teufelskreis von Stereotypen und Geschlechterungleichheiten

«Zu verstehen, wie Geschlechterstereotype entstehen und unter welchen Bedingungen sie sich verändern, ist wichtig, weil Stereotype beeinflussen, wie Menschen auf einzelne Frauen und Männer reagieren», sagt Christa Nater. «Auch wenn diese Stereotype relativ zutreffende und im Alltag nützliche Heuristiken darstellen, führen sie zugleich zu unfairen Vorurteilen, indem sie individuelle Unterschiede zwischen Menschen desselben Geschlechts verdecken.» Wie Christa Nater erläutert, «können Stereotype dazu führen, dass untypische Personen nicht nur als überraschend, sondern als befremdlich wahrgenommen werden, und sie können negative Bewertungen hervorrufen – etwa gegenüber der Frau, die eine herausragende Ingenieurin für Raumfahrtraketen ist, oder dem Mann, der ein aussergewöhnlich fürsorglicher Kita-Betreuer ist.» Insgesamt deuten die Ergebnisse der neuen Studie gemäss den Forschenden darauf hin, dass die Verteilung von Frauen und Männern auf soziale Rollen entscheidend ist für die Entstehung von Geschlechterstereotypen. «Daher wird die häufige Forderung, diese Stereotype zu beseitigen – etwa im Rahmen der #EndGenderStereotypes-Kampagne der Europäischen Union – voraussichtlich nur dann erfolgreich sein, wenn sich zugleich die Positionen von Frauen und Männern in der Gesellschaft angleichen», so Christa Nater abschliessend.

Angaben zur Publikation:

Nater, C., Miller, D., Eagly, A. H., & Sczesny, S. (2026). Gender stereotypes across nations relate to the social position of women and men: Evidence from cross-cultural public opinion polls. Proceedings of the National Academy of Sciences (PNAS), 122, e2510180122.
URL: https://doi.org/10.1073/pnas.2510180122  
DOI: https://doi.org/10.1073/pnas.2510180122

Über die Abteilung Soziale Neurowissenschaft und Sozialpsychologie

Die Abteilung Soziale Neurowissenschaft und Sozialpsychologie ist am Institut für Psychologie der Universität Bern angesiedelt. Sie beschäftigt sich mit dem menschlichen Verhalten und Erleben im sozialen Kontext. Die Abteilung bezieht in ihrer Forschung interdisziplinäre Perspektiven ein und integriert Paradigmen der Psychologie, Soziologie, Management, und Gesundheitswissenschaften. Der Forschungsansatz ist empirisch-quantitativ. Schwerpunkte sind: Intergruppenbeziehungen, Stereotype/Vorurteile, Kulturvergleichende Forschung, Soziale Neurowissenschaften.

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08.01.2026