CHEOPS deckt «Unordnung» in Planetensystem auf

Zuerst die Gesteinsplaneten, die sich in unmittelbarer Nähe ihres Sterns befinden, dann die Gasriesen: Bislang wurde angenommen, dass dies die übliche Reihenfolge von Planeten in ihren Systemen ist. Eine Annahme, die nicht nur auf unser Sonnensystem zutrifft, sondern auch auf die meisten der bisher identifizierten Planetensysteme. Die jüngste Entdeckung eines neuen Planeten um den Stern LHS 1903 durch das Weltraumteleskop CHEOPS stellt diese Theorie nun jedoch in Frage. Dem internationalen Team, das hinter dieser Entdeckung steht, gehören Forschende der Universität Bern und der Universität Genf an, die auch Mitglieder des Nationalen Forschungsschwerpunkts PlanetS sind.

Die acht Planeten unseres Sonnensystems werden in zwei Kategorien eingeteilt: Die Gesteinsplaneten und die Gasplaneten. Die inneren Planeten, die der Sonne am nächsten sind – Merkur bis Mars – sind felsig, während die äusseren Planeten – Jupiter bis Neptun – gasförmig sind. Diese Anordnung ist in unserer Galaxie häufig zu beobachten. Die Entdeckung eines Planetensystems um einen Stern namens LHS 1903, der 116 Lichtjahre von der Erde entfernt ist, stellt dieses Verständnis jedoch auf den Kopf.

LHS 1903 ist ein kleiner roter Zwergstern vom Typ M und damit kühler und lichtschwächer als unsere Sonne. Ursprünglich wurden drei Planeten um den Stern entdeckt, die der gängigen Ordnung entsprechen. Mit Hilfe des CHEOPS-Satelliten der Europäischen Weltraumorganisation (ESA) haben Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, darunter Forschende der Universität Bern und der Universität Genf, die auch Mitglieder des NFS PlanetS sind, nun eine merkwürdige Entdeckung gemacht: einen vierten Planeten, der am weitesten vom Stern LHS 1903 entfernt ist und der felsig zu sein scheint. Die Ergebnisse wurden soeben in Science veröffentlicht.

Die Präzision von CHEOPS enthüllt einen Planeten, der die Regeln bricht

CHEOPS ist eine gemeinsame Mission der Europäischen Weltraumorganisation ESA und der Schweiz unter der Leitung der Universität Bern, in Zusammenarbeit mit der Universität Genf, wo sich das Operationszentrum am Departement für Astronomie befindet. «Es ist der Präzision von CHEOPS zu verdanken, dass wir diesen neuen Planeten aufspüren konnten», sagt Monika Lendl, ausserordentliche Professorin am Departement für Astronomie der naturwissenschaftlichen Fakultät der Universität Genf, Missionswissenschaftlerin der CHEOPS-Mission und Mitautorin der Studie. «Da sich Gesteinsplaneten normalerweise nicht jenseits von Gasriesen bilden, stellt dieser Planet unsere Theorien völlig auf den Kopf!»

In der Nähe des Sterns verhindert die sehr hohe Temperatur in der protoplanetaren Scheibe – wo Planeten entstehen – die Bildung einer Gashülle um die felsigen Kerne der Planeten. Umgekehrt ist die Temperatur weit weg vom Stern niedrig genug, damit sich eine dicke Atmosphäre bilden kann, die bestehen bleibt und einen Gasplaneten bildet. Dieser vierte Planet, LHS 1903 e, sollte daher ein Gasplanet sein.

Ein Spätzünder, der den Erwartungen widerspricht

Bevor das Forschungsteam das etablierte Modell in Frage stellte, schloss es mehrere Hypothesen aus: Wurde der Planet zum Beispiel irgendwann in seiner Geschichte von einem riesigen Asteroiden, einem Kometen oder einem anderen grossen Objekt getroffen, welches seine Atmosphäre weggefegt hätte? Haben die Planeten um LHS 1903 irgendwann während ihrer Entwicklung ihre Position verändert?

Die Forschenden gelangten zu einer verblüffenden Erklärung, die besagt, dass die Planeten nacheinander entstanden sein könnten und nicht gleichzeitig, wie die gängigen Theorien annehmen. Diese Idee, welche die Planetenbildung von innen nach aussen in einem System postuliert, war bereits vor etwa zehn Jahren vorgeschlagen worden, konnte aber nie bewiesen werden.

«Basierend auf den Simulationen zur Planetenentstehung, die wir an der Universität Bern seit mehreren Jahrzehnten entwickeln, konnten wir zeigen, dass LHS 1903 e viel später entstanden sein muss als seine beiden Gasriesen-Geschwister», erklärt Yann Alibert, Professor an der Abteilung für Weltraumforschung und Planetologie (WP) der Universität Bern und Mitautor der aktuellen Studie. «Der vierte Planet – mit einer Masse, die der des dritten Planeten entspricht, der eine massive Hülle aus Gas besitzt – sollte in der Tat eine grosse Menge an Gas angesammelt und zurückgehalten haben. Unsere Hypothese ist daher, dass er sich gebildet hat, nachdem das Gas aus der protoplanetaren Scheibe verschwunden war, und damit nach dem zweiten und dritten Planeten des Systems, die Gasriesen sind.»

Vielfalt der Planetensysteme

Mit der Perfektionierung der Instrumente entdecken Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler immer mehr «seltsame» Planetensysteme, die sie dazu zwingen, etablierte Theorien über die Planetenentstehung in Frage zu stellen. Letztendlich helfen diese Entdeckungen auch zu verstehen, wie unser Sonnensystem in die vielfältige Familie der Planetensysteme passt.

David Ehrenreich, ausserordentlicher Professor in der Abteilung für Astronomie an der wissenschaftlichen Fakultät der Universität Genf, Vorsitzender des Wissenschaftsteams der CHEOPS-Mission und Mitautor der Studie sagt abschliessend: «CHEOPS demonstriert hier, wie neue ultrapräzise Instrumente uns dazu bringen können, unser Verständnis des Universums zu überdenken. Die Vielfalt der Planetensysteme bestätigt, dass unser Sonnensystem kein universelles Modell zu sein scheint.»

Angaben zur Publikation:

Thomas G. Wilson et al., “Gas-depleted planet formation occurred in the four-planet system around the red dwarf LHS 1903”, in: Science
DOI: 10.1126/science.adl2348
https://www.science.org/doi/10.1126/science.adl2348

CHEOPS – Auf der Suche nach potenziell lebensfreundlichen Planeten

Die CHEOPS-Mission (CHaracterising ExOPlanet Satellite) ist die erste der neu geschaffenen «S-class missions» der ESA – Missionen der kleinen Klasse mit einem Budget, das kleiner ist als das von grossen und mittleren Missionen, und mit einer kürzeren Zeitspanne von Projektbeginn bis zum Start.

CHEOPS widmet sich der Charakterisierung von Exoplaneten-Transiten. Dabei misst CHEOPS die Helligkeitsänderungen eines Sterns, wenn ein Planet vor diesem Stern vorbeizieht. Aus diesem Messwert lässt sich die Grösse des Planeten ableiten und mit bereits vorhandenen Daten daraus die Dichte bestimmen. So erhält man wichtige Informationen über diese Planeten – zum Beispiel, ob sie überwiegend felsig sind, aus Gasen bestehen oder ob sich auf ihnen tiefe Ozeane befinden. Dies wiederum ist ein wichtiger Schritt, um zu bestimmen ob auf einem Planeten lebensfreundliche Bedingungen herrschen.

CHEOPS wurde im Rahmen einer Partnerschaft zwischen der ESA und der Schweiz entwickelt. Unter der Leitung der Universität Bern und der ESA war ein Konsortium mit mehr als hundert Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, Ingenieurinnen und Ingenieuren aus elf europäischen Nationen während fünf Jahren am Bau des Satelliten beteiligt.

CHEOPS hat am Mittwoch, 18. Dezember 2019 an Bord einer Sojus-Fregat-Rakete vom Europäischen Weltraumbahnhof Kourou, Französisch-Guyana, seine Reise ins Weltall angetreten. Seither umkreist CHEOPS die Erde innerhalb von ungefähr anderthalb Stunden in einer Höhe von 700 Kilometer entlang der Tag-Nacht-Grenze.

Der Bund beteiligt sich am CHEOPS-Teleskop im Rahmen des PRODEX-Programms (PROgramme de Développement d'EXpériences scientifiques) der Europäischen Weltraumorganisation ESA. Über dieses Programm können national Beiträge für Wissenschaftsmissionen durch Projektteams aus Forschung und Industrie entwickelt und gebaut werden. Dieser Wissens- und Technologietransfer zwischen Wissenschaft und Industrie verschafft dem Werkplatz Schweiz letztlich auch einen strukturellen Wettbewerbsvorteil – und er ermöglicht, dass Technologien, Verfahren und Produkte in andere Märkte einfliessen und so einen Mehrwert für unsere Wirtschaft erbringen.

Mehr Informationen: https://cheops.unibe.ch/de/

Berner Weltraumforschung: Seit der ersten Mondlandung an der Weltspitze

Als am 21. Juli 1969 Buzz Aldrin als zweiter Mann aus der Mondlandefähre stieg, entrollte er als erstes das Berner Sonnenwindsegel und steckte es noch vor der amerikanischen Flagge in den Boden des Mondes. Dieses Solarwind Composition Experiment (SWC), welches von Prof. Dr. Johannes Geiss und seinem Team am Physikalischen Institut der Universität Bern geplant und ausgewertet wurde, war ein erster grosser Höhepunkt in der Geschichte der Berner Weltraumforschung.

Die Berner Weltraumforschung ist seit damals an der Weltspitze mit dabei: Die Universität Bern nimmt regelmässig an Weltraummissionen der grossen Weltraumorganisationen wie ESA, NASA oder JAXA teil. Mit CHEOPS teilt sich die Universität Bern die Verantwortung mit der ESA für eine ganze Mission. Zudem sind die Berner Forschenden an der Weltspitze mit dabei, wenn es etwa um Modelle und Simulationen zur Entstehung und Entwicklung von Planeten geht.

Die erfolgreiche Arbeit der Abteilung Weltraumforschung und Planetologie (WP) des Physikalischen Instituts der Universität Bern wurde durch die Gründung eines universitären Kompetenzzentrums, dem Center for Space and Habitability (CSH), gestärkt. Der Schweizer Nationalsfonds sprach der Universität Bern zudem den Nationalen Forschungsschwerpunkt (NFS) PlanetS zu, den sie gemeinsam mit der Universität Genf leitet.

Exoplanetenforschung in Genf: 25 Jahre Expertise mit Nobelpreis ausgezeichnet

CHEOPS liefert wichtige Informationen über Grösse, Form und Entwicklung bekannter Exoplaneten. Die Einrichtung des «Science Operation Center» der CHEOPS-Mission in Genf unter der Leitung von zwei Professoren der Astronomieabteilung der UniGE ist eine logische Fortsetzung der Forschungsgeschichte auf dem Gebiet der Exoplaneten – denn hier wurde 1995 der erste Exoplanet von Michel Mayor und Didier Queloz, den Nobelpreisträgern für Physik von 2019, entdeckt. Mit dieser Entdeckung positionierte sich die Astronomieabteilung der Universität Genf an der Weltspitze auf diesem Gebiet, was unter anderem 2003 zum Bau und der Installation von HARPS führte. Der Spektrograph auf dem 3,6m-Teleskop der ESO in La Silla war zwei Jahrzehnte lang der weltweit effizienteste, wenn es um die Bestimmung der Masse von Exoplaneten ging. 2018 wurde HARPS jedoch von ESPRESSO übertroffen, einem weiteren Spektrographen, der in Genf gebaut und auf dem VLT in Paranal installiert wurde.

CHEOPS ist somit das Ergebnis von zwei nationalen Expertisen: einerseits dem Weltraum-Know-how der Universität Bern in Zusammenarbeit mit ihren Genfer Kolleginnen und Kollegen, und andererseits die Bodenerfahrung der Universität Genf in Zusammenarbeit mit ihrem Pendant in der Hauptstadt. Zwei wissenschaftliche und technische Kompetenzen, die auch den Nationalen Forschungsschwerpunkt (NFS) PlanetS ermöglichten.

 

12.02.2026